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England: Nationalpark „Lake District“ – ich wandere einsam wie eine Wolke

Nun hat die Seenlandschaft Lake Distrikt, im Sprachgebrauch der Engländer nur kurz „Lakes“ genannt, auch die hohen Weihen der UNESCO erhalten. Im Juli dieses Jahres hat das UNESCO Welterbekomitee den britischen Nationalpark in der Grafschaft Cumbria zum Weltkulturerbe befördert. Damit wurde die Landschaft englischer Romantiker aus dem 19. Jahrhundert auf das Podest gehoben. Für viele Leser aus dem angloamerikanischen Sprachraum ist diese Entscheidung der UNO-Kulturorganisation eine längst überfällige Auszeichnung, für viele deutsche Urlauber ist es eine Einladung, unbekannte Landschaften für sich zu entdecken. Zwar liegt die Betonung der Jury auf Weltkulturerbe, aber die „Lakes“ hätten durchaus auch den Titel Weltnaturerbe verdient.

 

Lake Distrikt. Foto: Ronald Keusch

 

Der Ort für Literaten der Romantik

Die UNESCO-Jury hob in ihrer Begründung die „pittoreske Ästhetik“ des Nationalparks hervor. Wer wollte diesem Urteil widersprechen. Die vielfältige Landschaft ist geprägt durch die rund 1000 Meter hohen Cumbrien Mountains, die die Szenerie und meist den Hintergrund von zahlreichen idyllischen Seen ausstaffieren. Und es ist besonders die Melange aus Bergen und Seen, Wäldern und Wiesen sowie als Sahnehäubchen die malerischen kleinen Orte, die den Lake Distrikt zu etwas ganz Außergewöhnlichem machen.

So ist es überhaupt keine Überraschung, dass in dieser Region die englischen Literaten der Romantik ihre Heimat fanden und sich hier inspirieren ließen. Besonders drei Namen stehen für die sich hier ansiedelnde Künstler-Gilde: Beatrix Potter, William Wordsworth und John Ruskin. Sie regten dazu an, dass eine der romantischsten englischen Landschaften in wachsender Zahl die Naturliebhaber und Wanderer vorrangig aus dem eigenen Land anzog.

Der Lake Distrikt mit seiner Lage zum Meer und seinem Gebirge zählt zu den feuchtesten Regionen in England. Gut für das auffällig üppige Grün in der Natur, weniger gut für Wandertouren. Doch auch bei Regen sind die Wandersleute nur mit einer Kapuze geschützt, auf den unzähligen Wanderrouten unterwegs. Außerdem schafft das Regenwetter einen zusätzlichen Anlass, die Literaten der Romantik zu besuchen.

 

Am Ullswater See. Foto: Ronald Keusch

 

Das Wordsworth Country

Im Herzen des Lake Districts, in dem kleinen Örtchen Grasmere, steht das Dove Cottage. Hier siedelte sich 1799 der britische Dichter William Wordsworth an. Er gehört zu den ersten englischen Literaten, die sich an der Natur dieser Seenlandschaft begeisterten. Insgesamt habe er, so schätzten damals seine Freunde, eine Strecke von 180.000 Meilen in der Region gewandert. Eine seiner bekanntesten Gedichts-Zeilen lautet: „Ich wandere einsam wie eine Wolke“. Sie klingt wie ein Startsignal für die anderen englischen Literaten der Romantik. Mit seiner Schwester Dorothy kreierte Wordsworth als Gärtner einen imposanten Steingarten auf mehreren Ebenen. Viele Touristen, vorrangig aus England, entdeckten zudem die „Lakes“ erst dank seiner hier entstandenen Natur-Gedichte und noch bis heute folgt eine große Zahl seiner Leser seinen Spuren. So wurde in England für den Lake Distict der Begriff „Wordsworthshire“ oder „Wordsworth Country“ geprägt.

 

Museum Wordsworth. Foto: Ronald Keusch

 

Bestseller-Autorin Beatrix Potter

Als die junge Beatrix Potter 1882 zum ersten Mal den kleinen Ort Hawkshead besuchte mit seinen alten stilvollen kleinen Steinhäusern und schmalen Gassen, war es wohl Liebe auf den ersten Blick. Jetzt ist ihr zu Ehren eine Beatrix Potter Gallery eingerichtet. Obwohl in London geboren, zeigt sich ihre enge Verbundenheit mit dem Lake District und dem ländlichen Leben inmitten der Natur. Sie entstammt einer Industriellen-Familie, die mit der Baumwoll-Industrie reich wurde. So hatte sie als junge Frau die Chance, ihre vielseitigen Talente zu entfalten. Der Dreh- und Angelpunkt in ihrem Leben war die Landschaft des Lake Distrikts, die sie immer wieder inspirierte. Sie arbeitete wissenschaftlich über Pilze, schrieb Kinderbücher, in deren Mittelpunkt das Dorfleben, die Tiere und Menschen der Region standen.

Sie gehört zu den Mitbegründern und Förderern der gemeinnützigen Organisation National Trust, die sich für Denkmalpflege und Naturschutz in England einsetzt. Außerdem engagierte sie sich vehement für ländliche Traditionen und Handwerk. Als sie durch ihre sehr erfolgreiche literarischen Arbeit – insgesamt erschienen 19 Bücher in hohen Auflagen weltweit – selbst vermögend wurde, kaufte sie sieben Farmen in der Region auf. Trotz ihrer Herkunft aus „gutem und einflussreichem Hause“ wurde ihre wissenschaftliche Karriere durch männliche Kollegen massiv behindert, so dass sie sich anderen Tätigkeiten widmete. Ohne diese damalige Zurückweisung, so die Vermutung der Historiker, wäre ihr Leben anders verlaufen und sie hätte nicht die Möglichkeit bekommen, ihre weltweit berühmten Kinderbücher zu verfassen. Die Schriftstellerei wurde durch das Malen und Zeichnen ergänzt. So illustrierte sie ihre erfolgreichen Bücher selbst wie den Bestseller „Tale of Peter Rabbit“ oder das Buch über die Ente Jemima Puddleduck.

 

Bestseller von Beatrix Potter. Foto: Ronald Keusch

 

Levens Hall – der Traum von einem Schlossgarten

Wie in den meisten Regionen England zählen auch liebevoll und kenntnisreich angelegte Gärten zu den Schmuckstücken in den Lakes. Das Herrenhaus der Adelsfamilie Bagot, in enger Nachbarschaft zum Lake District und nicht weit entfernt von der Ortschaft Kendal, wird als eines der schönsten Häuser in Cumbria eingestuft. Berühmt wurde das Haus in der Kombination mit dem Garten, der im 17. Jahrhundert angelegt wurde. Die Anlage des Gartens ist das Kunst-Werk von Monsieur Beaumont, dem damaligen Gärtner von König James II. Besonders spekulativ und herausragend ist der kunstvolle Schnitt der Bäume und Sträucher mit seinen unterschiedlichen Formen.

Inmitten dieser sensationellen Gartenanlage hat auf einer der durchgängig gepflegten Rasenflächen, versteckt hinter hohen Hecken, der Westmorland Crocket Club sein Spielfeld. Durchgängig in weißen Anzügen gekleidete ältere Damen bugsieren mit handlichen Schlägern lässig und gekonnt große Kugeln durch kleine Tore. Am Spielfeldrand ein Tisch mit Teekanne und Geschirr für die Spielpausen – very british.

Auch das gesamte Gebäude mit seinen teilweise hunderte Jahre alten Möbeln und Ölgemälden ist beeindruckend. Die Wände sind durchgehend mit dunklem Holz getäfelt, kunstvoll bearbeitet wie auch die weiß gehaltenen Decken. In einem der Räume sind kleine Fotos der Familie aufgestellt. Sie zeigen die Bewohner in dem üppig und kostspielig traditionell eingerichteten Herrenhaus in sehr irdischen Aussehen in Alltagsszenen. Selbstverständlich gibt es auch hier im Cafe des Herrenhauses für die Besucher WLAN – alles very british.

 

Traumgarten Levens Hall. Foto: Ronald Keusch

 

Bergpass auf 450 Meter Höhe

Auf sehr schmalen und kurvigen Straßen erreicht der Besucher den höchsten Bergpass vom Lake Distrikt. Über dem Türrahmen vom Kirkstone Inn steht die genaue Höhe 1481 Fuß also 450 Meter. Die Inneneinrichtung der kleinen urigen Berghütte ist durch sehr dunkle Holz-Stühle und -Tische geprägt sowie dunkler Deckenbalken auf geweißter Decke. Den Kontrast dazu bieten rote Polster auf den Stühlen und Bänken. Das dunkle Holz und die roten Polster schaffen eine besonderes mystisch-romantische Atmosphäre.

 

So untypisch britisch – Lowther Castle

Nach der Abfahrt vom Pass zum Ullswater See erreicht man nach 20 Meilen das Lowther Castle nebst Park. Hier ist besonders der deutsche Tourist sehr überrascht, der bei Schloss-Besuchen selbstverständlich erwartet, perfekt gestylte Gärten vorzufinden. Doch dieses Schloss hat eine besondere Geschichte. Nach Jahrhunderten von erfolgreich geführten Machtkämpfen und einem glanzvollen Leben des Familien-Clans (Kaiser Wilhelm II gab sich die Ehre, auch zwei Mal im Schloss hochherrschaftlich zu dinieren) ging das adlige Familienunternehmen vor 90 Jahren in die Pleite. Es wurde von Erben schließlich im Jahr 1953 gänzlich verscherbelt und verfiel über die Jahrzehnte zu einer Ruine. Von Teilen des Schlossgebäudes fehlt bis heute das Dach. Auf dem Schlossgelände wurden Schweine gehalten (What a mess) und Hühnerställe errichtet. Die Rettung erfolgte 1999 durch English Heritage, eine weit verzweigte Organisation, die Denkmäler in Staatsbesitz verwaltet. Die Schweine wurden geschlachtet und die Hühnerställe abgerissen. Nach mehr als 50 Jahren Verwahrlosung gibt es nun viel zu tun. Der Anfang wurde vor 20 Jahren gemacht, Fassaden stehen, die Gärten beginnen zu erblühen und auf dem riesigen Gelände wurde Englands größter Abenteuerspielplatz errichtet, um Besucher anzulocken.

 

Die vielen Talente von John Ruskin

Zu den insgesamt 17 Seen des Lake Distrikts gehört der See Coniston. In dem gleichnamigen kleinen Ort ist das Ruskin-Museum eingerichtet. Der berühmte Schriftsteller John Ruskin hatte ähnlich unserem Dichterfürsten und Geheimrat aus Weimar vielfältige Talente. Er war Maler, Geologe, Philosoph und Anwalt für soziale Reformen. Seine Arbeiten haben bis heute einen prägenden Einfluss auf die englische Gesellschaft. Und er ist wie seine Schriftstellerkollegen ein Bewunderer der Lakes.

Unter dem Dach seines Museums hat die Gemeinde auch noch andere bekannte Persönlichkeiten untergebracht. Dazu gehört vor allem der Motorboot- und Autorennfahrer Donald Campbell. Er unternahm mit dem Boot Bluebird mehrere Geschwindigkeitsrekorde. Der Rennfahrer verunglückte 1967 im Alter von 46 Jahren auf dem Coniston-See tödlich, als er mit 300 Meilen pro Stunde seinen eigenen Geschwindigkeitsrekord brechen wollte.

 

Brantwood-Haus von John Ruskin. Foto: Ronald Keusch

 

Ein weiterer Konkurrent um die Aufmerksamkeit der Museumsbesucher ist der in der Region aufgewachsene Arthur Ransome. Der Kinderbuchautor lebte mehrere Jahre im zaristischen Russland, war Zeuge der Oktoberrevolution, spielte mit Lenin Schach und heiratete die Sekretärin von Trotzki, die er später mit nach England nahm.  Doch das Zugpferd, das dem Museum den Namen gibt ist John Ruskin.

 

Zum Klavierspielen wird gebeten

Nur wenige Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Coniston-See und nur auf sehr schmaler Wegstrecke erreichbar liegt das Brantwood-Haus direkt am See mit einem groß angelegten Parkplatz. Viele Besucher kommen hierher in das Haus von Ruskin, in dem er von 1872 bis 1900 lebte und das er nach seinen Entwürfen umbauen ließ, denn er war auch Architekt. Ein großer Teil des Inventars ist erhalten geblieben. Auf einige der Stühle in den Zimmern kann der Besucher Platz nehmen und über große Fenster auf den See schauen. In einem der großen Wohnzimmer ist der Deckel eines Klavierflügels geöffnet. Der Besucher wird freundlich gebeten, wenn er mag, etwas zu spielen. Auf eines Terrasse wird Tee serviert. Hier präsentiert sich ein Blick auf den See, die hügelige Landschaft und die Bergzüge am Horizont – schwer vorstellbar, sich nicht in dieses Landschaftspanorama zu verlieben.

Text und Fotos: Ronald Keusch

Titelfoto / Pass-Straße zum Kirkstone. / Foto: Ronald Keusch

 

Anreise von Berlin in den Lake District

Flug mit easyjet nach Manchester; Weiterfahrt mit einem Mietwagen auf Autobahn – möglichst kleines Fahrzeug wählen,  da schmale Straßen im Lake District

Zugverbindung von Manchester nach Windermere ; vor Ort gute lokale Busverbindungen

 

Landschaft im Lake District. Foto: Ronald Keusch

 

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